Deponie: Tobias Kruse

16 Dezember 2022 - 18 Februar 2023 Berlin

Verlängert bis zum 18. Februar

Für seine Arbeit Deponie begab sich Tobias Kruse auf die Suche nach den Spuren und Narben einer Zeit, die bis heute ihre Schatten auf die Gegenwart wirft: die Jahre nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland. Eine wilde Zeit, die reich an Möglichkeiten war, für viele aber auch Enttäuschung, Wut und Verbitterung brachte. 30 Jahre nach dem Mauerfall fuhr der Fotograf und gebürtige Mecklenburger 8.000 Kilometer durch den Osten Deutschlands. Er reiste durch leere Landstriche und Dörfer, in volle Fußball-Stadien und zu nächtlichen Demonstrationen. Er fotografierte Phänomene, die ebenso historisch wie gegenwärtig sein können und besuchte Orte, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind.

 

Ausgangspunkt war die Deponie Ihlenberg in der Nähe von Schwerin, wo der Fotograf aufwuchs und die frühen neunziger Jahre als Jugendlicher miterlebte. In den achtziger Jahren wurde auf der Müllkippe – damals noch VEB Deponie Schönberg – Sondermüll aus Westeuropa entsorgt. Der Osten bekam Devisen, der Westen konnte billig seinen Abfall woanders abladen. Auch damals schon war die Situation, waren die Schäden für Mensch und Umwelt verheerend – die Errichtung der Deponie erfolgte auf Beschluss des Politbüros und war auch nach DDR-Recht illegal. Es gab keine ernsthaften Umweltauflagen und Kontrollen, und so wurde Schönberg schnell zur größten Giftmülldeponie Europas.

 

Nach dem Mauerfall folgte das übliche Prozedere nach dem westdeutschen Drehbuch der Wiedervereinigung: Übernahme des volkseigenen Betriebs durch die Treuhand, kosmetische Sanierung, schließlich teurer Verkauf. Die Menschen vor Ort wurden zu Statisten in ihrem neuen Leben degradiert, die Deponie wurde begrünt. Die 17 Millionen Tonnen Giftmüll jedoch liegen noch heute unter der blühenden Landschaft. Und genauso ist zwar der konkrete Ort im Lauf der Zeit aus der Arbeit Deponie verschwunden, geblieben ist neben dem Namen aber die unheilvolle Grundstimmung. 

 

Aus dieser Zeit, die im Osten auf die beiden deutschen Diktaturen folgte, rührt vielleicht nicht nur die Narbe auf dem kahlrasierten Schädel, sondern möglicherweise auch der Argwohn gegenüber staatlichen Organen und Entscheidungen wie auch die diffuse Wut, die heute in den Schläfen aufgebrachter Ostdeutscher pocht. Die Unsicherheit und der Kontrollverlust finden heute ihren Widerhall in den Echokammern der Neuen Rechten. Sein Unbehagen damit hat Tobias Kruse auf seinen Reisen herausgefiltert und in seinen Schwarz-Weiß-Fotografien verstärkt. Sie wirken wie ein Scharnier zwischen Vergangenheit und Gegenwart und lassen erahnen, wie tief die Wunden sitzen – und dass eine Heilung in weiter Ferne liegt. Seine dunklen Bilder hinterlassen schließlich selbst ein düsteres, ergreifendes Unbehagen.

Laura Benz

 

Die Arbeit entstand in den Jahren 2019 und 2020 im Rahmen des recommended Olympus Fellowship Programms und wurde im Haus der Photographie der Deichtorhallen in Hamburg, dem Fotografie Forum Frankfurt und im FOAM Amsterdam ausgestellt. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog bei spectorbooks.